Synthesizersuit

MONSTERFRAU Synthesizersuit aka Soundcostume, ein Klassiker der wearable technologies, Teil der Sammlung "Tragbare Technologien" des Technischen Museums in Wien. MONSTERFRAU schaut frontal in die Kamera. Auf ihrer Brust und dem Bauch befinden sich zwei Platinen je eines Subtle Noisemaker - Synthesizers. Potentiometer, Knöpfe und Fader bedecken ihre nackte Haut.
photos by Ionut Staicu directed by Alex Ghelerter of UrbanFriendsRepublic, Bucharest 2014

Was ist das Soundkostüm - der Synthesizersuit?


Das Soundkostüm ist ein Ganzkörpersynthesizer, den ich mit Hilfe von Kollegen gebaut habe, um zwei analoge Subtle Noisemaker und meine elektron machinedrum in Kommunikation mit dem Publikum spielen zu können.


Ich wollte meine Musikinstrumente direkt am Körper tragen. Ich wollte frei von jeglicher Verkabelung und unabhängig von einem Tisch sein, auf dem Instrumente der elektronischen Musik sonst meist stehen. Den Tisch habe ich immer als Barriere zwischen den MusikerInnen und den ZuschauerInnen wahr genommen, als einengend und begrenzend erlebt.

Was mache ich mit dem Soundkostüm - dem Synthesizersuit?


Mit dem Soundkostüm mache ich Musikperformances. Ich spiele 2 analoge Subtle Noisemaker und entweder die elektron machinedrum oder die Musiksoftware Ableton direkt am und mit meinem Körper. Der Knopfdruck und die Bedienung eines Drehreglers, Wahlschalters oder Faders ist die Performance, das Instrumentenspiel wird zur Choreographie.

MONSTERFRAU pushing buttons and potentiometers on her body which makes her a so called button pusher.
Die Performance-Künstlerin Lena Wicke-Aengenheyster erinnert mit der Performance "MONSTERFRAU gegen Marduk" an den babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elish. Diesen versteht sie als wesentlichen Wendepunkt von Konsensgesellschaften hin zu patriachalen Gesellschaftsstrukturen. Dieser Wendepunkt wurde mitr dem Enuma Elish und des darin beschriebenen Kampfes zwischen Marduk und Tiamat religiös begründet. MONSTERFRAU gibt an, dieser Kampf sei lange nicht zu Ende gekämpft und sie trete an Stelle von Tiamat in die zweite Runde an. Der Synthesizersuit und Wasser als künftiger Datenspeicher dienen als ihre Waffen.

Was das Soundkostüm - der Synthesizersuit - mit mir macht...

Teile meines Körpers-, ich klinge auf bestimmte Weise. Bestimmte Klänge bedürfen besonderer Bewegungen und sie verleiten mich zu besonderen Bewegungen und Körperspannungen. Mein Körper verschmilzt mit den Klängen. Körper und Klang werden zu einem ineinandergreifenden Ausdruck.

Das Soundkostüm gibt mir die Freiheit, mich von dem in der elektronischen Musik sonst üblichen Tisch, auf dem sich Musikinstrumente wie Synthesizer, Machinedrum, Computer und Midicontroller meist befinden, unabhängig zu bewegen.

MONSTERFRAU pushing faders on her leg of her wearable technological device - the MONSTERFRAU synthesizersuit.
photos: Ionut Staicu & Alex Ghelerter /urbanfriendsrepublic 2014

Warum das Soundkostüm, wie kam es zum Synthesizersuit? (Motivation – Ausgangsmoment – Vorgeschichte)


Ich komme vom Geigenspiel. Da hält man das Instrument im Arm. Als ich Klavier lernen sollte, war das eine Qual für mich. Ich hatte noch nicht verstanden, dass die Körperlichkeit beim Klavierspiel im Rücken, der gesamten Sitzhaltung und Körperspannung hin zum Klavier liegt. Mir schien es unbegreiflich, wie ich alleine durch den Kontakt meiner Finger auf kalte Tasten Musik machen sollte.

MONSTERFRAU war anfangs ein Duo. Ich hatte Sascha Neudeck, den Hersteller der Subtle Noisemaker 2010 als Partner ins Boot geholt. 2011 feierten wir die Uraufführung von MONSTERFRAU Körper und Kapital im WUK, damals unter Leitung von Johannes Maile. Musikalisch waren wir ein Duo, bei der Aufführung bediente Sascha die Instrumente und ich performte das Mikrophon, Choreographien und ausladende Kostüme.


Ich verliebte mich zusehends in die Subtle Noisemaker und begann die Rhythmen alleine zu programmieren. Sascha hatte immer weniger Zeit zum Proben. Seine Noisemaker verschiffte er mittlerweile in die USA, China, etc.., er begann Leute zum Löten einzustellen und schließlich sah er sich gezwungen einen Auftritt in Kayserie in der Türkei abzusagen. Ich konnte ihn überreden, diesen Auftritt doch noch gemeinsam zu spielen und musste danach aber von ihm Abschied nehmen.

Auf der Suche nach einem Ersatz sollte ich erkennen, dass es mir schwer fiel, mich auf die Instrumente und den Sound anderer Kollegen einzulassen. Allzu verknallt war ich in die schreienden, lachenden, knachsenden und sinusartig wohlig brummenden Noisemaker in Kombination mit trockenen wilden Rhythmen und etwas Stimme. Bei einem Kurzauftritt in dasWerk in der Neulerchenfelderstraße in Wien balancierte ich auf einem Bein stehend den Cacophonator auf meinem Knie während die anderen Instrumente mich wiederholt zu sich an den Tisch holten.

Das war der Moment, in dem ich dachte, am besten ich hätte die Noisemaker und meine machinedrum am Körper. So dass ich performen, die Leute adressieren, mich bewegen und die Instrumente bedienen kann – als eine Einheit.

Wo wurde das Soundkostüm gespielt? (Konzertbühne - Kunstraum - Teknofestival)


Das Soundkostüm habe ich als Teil der Underground Opera "MONSTERFRAU gegen Marduk" am Donaufestival Krems in einer der Messehallen uraufgeführt und anschließend in einem Musikkeller am Lendwirbel in Graz, in einem Tanzatelier in Bukarest, in einem bunkerartigen Bühnenraum in der Bunkerei im Augarten in Wien gespielt.

Ausschnitte aus der Oper habe ich dann im Kunstkontext bei der ViennaArtFoundation auf der Parallele im Telegraphenamt oder in der Ausstellung In Between Frames im Projektraum der Galerie kroart, sowie bei Kunstfesten wie dem Hardthof Arthof in Giessen oder dem Kunstfest in Schattin performt.

Die Punkband 'Die Goldenen Zitronen' haben mich als ihre Vorgruppe mit auf ihre Tour "Who is bad?" auf Konzertbühnen und Musikklubs wie das Lagerhaus Bremen, Glocksee Hannover, Exhaus Trier, den Club schocken in Stuttgart oder ins Palace St Gallen genommen.

Margita Weiler von milleplateaux hat mich schließlich dazu eingeladen, das Soundkostüm in einer Impro-Session mit den Teknomusikern Crystal Distortion und 69db des Soundsystem SP23, ehemals Spiral Tribe, im kunstaffinen Musikklub Embobineuse in Marseille zu erkunden.

Dieser fulminante Auftritt, geprägt von intensiven Glücksmomenten der totalen Kommunikation, hat nach diversen Tekno-Impro-Sessions im Kunstraum wie dem moe in Wien einerseits als auch beim 3tägigen Teknofestival breakfest in Tschechien andererseits zur langjährigen Zusammenarbeit mit Crystal Distortion, der Entwicklung eines Sensorenkostüms und der SciFi TeknoPunkOper TEK MATER geführt.

MONSTERFRAU performing the Soundcostume: MONSTERFRAU Synthesizersuit at Donaufestival Krems, photo by Rainer Elstner
MONSTERFRAU Wicke-Aengenheyster performing the wearable musical instrument and interface for musical and performance expression, the MONSTERFRAU Soundcostume: Synthesizersuit at grrrls night out at Lenwirbel Graz

Wer war an dem Soundkostüm beteiligt? (Autorenschaft)


Idee, Konzept, Beauftragung, Realisierung, Testing – MONSTERFRAU /Lena Wicke-Aengenheyster

Herstellung der beiden Subtle Noisemaker – Subtle Noisemaker Sascha Neudeck

Entwicklung, Herstellung und Programmierung des Midi-Parts, Midi-Receivers, der Max.msp-Patches – Martin Moser

Assistenz Materialrecherche, Herstellung des Tüllanzugs und Mitarbeit bei den Näharbeiten – Patrizia Ruthensteiner

MONSTERFRAU Wicke-Aengenheyster performing the Soundcostume Synthesizersuit at Donaufestival Krems 2013

Gab es auch Momente, in denen das Soundkostüm mal nicht funktioniert hat? (Fails)

Titty Twister Crest – Ausfall der gesamten Rückenplatine und somit des gesamten Midi-Parts, Improvisation mit der Stimme.

Im Zuge der Reparaturarbeiten wurde deutlich, dass der Midi-Sender defekt war.

Hardthoffest Giessen - Ausfall des Beines -> Anstatt mit den Fadern am Bein habe ich dann vermehrt die Fader an der Brust bedient. Das wurde musikalisch richtig fein und überraschte mich selbst.

MONSTERFRAU Wicke-Aengenheyster performing the MONSTERFRAU Synthesizersuit as wearable new instrument and interface for musical and performance expression (NIME, NIMPE) at Studio Zona D in Bucharest, Romania, photo by Dilmana Yordanova

Wie funktioniert das Soundkostüm der Synthesizersuit? (Signalfluss)


Die Platinen auf Brust und Bauch sind analoge Synthesizer von Subtle Noisemaker. Sie spiele ich mittels der über den Körper verteilten schwarzen Poti und Schildkrötenklemmen an den Pins. Sie werden von je einer 9V-Batterie gespeist, die im Gürtel untergebracht sind. Ihre Audioausgänge befinden sich seitlich an den Hüften. Per AKG Audio-Sender (rückseitig im Gürtel) wird ihr akkustisches Signal an das Mischpult und in der aktuellen Konfiguration schließlich weiter an die machinedrum geführt.

Die Spannungen der Fader, metallenen Wahlschalter und Poti, der farbigen Knöpfe am Arm und des Umlegeschalters oberhalb der Brust werden durch die kupferfarbenen Kabel zu der Platine am oberen Rücken geführt. Hier werden ihre elektrischen Spannungen per Bascom in Zahlenwerte umgewandelt und per kabellosem Midi-Sender an den von Martin Moser gebauten Midi-Empfänger und von dort per Midi-Interface an den Computer geschickt.

Im Computer werden die Midi-Signale in einem Max.msp-Patch bestimmten Funktionen wahlweise der machinedrum oder der Musiksoftware Ableton zugeordnet, in ein von der machinedrum oder Ableton lesbares Format umgewandelt und schließlich via Midi-Interface und Midi-Kabel an die machinedrum oder intern an Ableton weiter geschickt.

Es gibt insgesamt 3 verschiedene Typen Max.msp-Patches, zwischen denen ich je Performance und musikalisches Set wähle:

  • Kontrolle der elektron machinedrum,

  • Kontrolle der elektron machinedrum als Effektgerät in Kombination mit auf der Festplatte des Computers abgelegten vorgefertigten Audio-Samples

  • Kontrolle der Musiksoftware Ableton.

Diese Patches habe ich niemals gleichzeitig laufen lassen. Das könnte man ausprobieren, würde wahrscheinlich sogar funktionieren, wenn auch von der Usability her eher verwirrend oder eben musikalisch gesehen sehr experimentell. Ich habe mich immer je nach Auftritt oder Show zuvor entschieden welchen Patch und somit welches musikalische Set ich mit dem Midi-Part des Soundkostüms spielen möchte.

Im jeweiligen Max.msp-Patch kann ich frei entscheiden, welches Instrument, welchen Audioeffekt oder welche andere Funktion ich mit einem Fader oder Drehpotentiometer des Midi-Parts steuern möchte. Die bunten Tastwahlschalter an meinem Unterarm dienen der Anwahl von im Max.msp-Patch gespeicherten Presets. Sprich, ich kann auch während einer Show zwischen verschiedenen Zuordnungen der Fader und Drehregler sowie des 3-Stufen-Schalters am rechten Arm wählen. Dem Kippschalter oberhalb der Brust sind Play / Stop eines Songs (machinedrum), Samples (max.msp) oder einer Szene (Ableton) und dem 12-Stufen-Wahlschalter am rechten Arm sind die Anwahl eines 'Songs' (machinedrum), eines Samples (max.msp) oder einer Szene (Ableton) fix zugeordnet.

Was machen die Fader und welche Funktionen haben die Drehregler?


In der Konfiguration für die Underground Opera “MONSTERFRAU gegen Marduk” verwende ich einen Großteil der Fader zu Effektierung der Subtle Noisemaker und meiner Stimme.

Die Fader auf der Brust kontrollieren Effekte wie Distortion, Delay, Reverb oder EQs für die Noisemaker.

Der Fader auf meiner linken Brust kontrolliert in der Underground Opera "MONSTERFRAU gegen Marduk" in der Szene, in der MONSTERFRAU ihre Stärken und Waffen zur Schau stellt, den Pitch einer Basedrum.

Die Fader auf Bauchhöhe kontrollieren Effekte für die Stimme.

Auf meinem linken Oberarm befinden sich 2 Volumeregler, einen für meine durch die machinedrum geschleuste und mit ihr effektierte Stimme, einen für die Noisemaker.

Zwei der Drehregler am Bein stellen ihr Back-Up da. Sie kontrollieren ebenfalls die Lautstärken, falls die Fader einmal ausfallen sollten oder bei Spannungsabfall der Batterien das Audiosignal der Noisemaker verstärkt werden muss.

Die 2er-Gruppe Fader am Bein filtern den Klang der durch die machinedrum geschleusten Noisemaker, die 3er-Gruppe kontrolliert die LFO-Einstellungen der machinedrum für die Noisemaker.

Eines der metallenen Drehregler am Bein effektiert im Stück Minimal Insects den Pitch eines nach Flöte klingenden Instruments meiner machinedrum, das wie kleine Flöhe wiederholt aus der Reihe tanzt.

Als Vorgruppe der Goldenen Zitronen habe ich die machinedrum ausschliesslich als Effektgerät für die Noisemaker und meine Stimme verwendet. Und mit dem Wahlschalter und Play/Stop-Umlegeschalter oberhalb der Brust vorgefertigte Backing-Tracks angewählt.

Der Teknomusiker Crystal Distortion hat mich schließlich dazu motiviert, mit dem Soundkostüm nicht mehr meine machinedrum sondern Ableton zu kontrollieren.

Instandhaltung und Wartung

Die Instandhaltung und Wartung war teilweise eine richtige Tyrannei. Langwierige Fehlersuchen, der weiderholte Bruch von Lötstellen - Lötzinn unter dem Fingernagel hat am Ende der Tour mit den Goldenen Zitronen zu einer bösen Entzündung geführt. So schlimm, dass ich am Abend kurz vor meinem Auftritt auf der Stubnitz in Hamburg den Finger noch aufgeschnitten bekommen musste. Auf der Bühne habe ich dann mit einem dicken in Mullbinde gewickelten Zeigefinger gespielt.


Technisches

Wo sitzen die Batterien, welche Funktion haben sie, um was für Typen handelt es sich? Welches sind die auditiven oder visuellen Rückmeldungen bei Inbetriebnahme?

2 x je 1 Batterie 1,5V des Typ AA in den AKG Audio-Sendern. Wenn ausrechend geladen, dann leuchten bei In-Betriebnahme der AKG Audio-Sender je ein grünes Lämpchen. Sollten sie zu wenig geladen sein, so leuchtet das gleiche Lämpchen rot und die Batterie muss gewechselt werden.

3 x je 1 Batterie 9V Blockbatterie zum Betrieb der Noisemaker und des Midi-Parts, angeschlossen an den auf der Vorderseite auf Hüfthöhe von den Schaltern hängenden Anschlüssen und im transparenten Gürtel am Bauch untergebracht. Bei In-Betriebnahme der Noisemaker ist das Audiosignal im geladenen Zustand der Batterien und im Fall der richtigen Reglereinstellungen deutlich zu hören. Sind die Batterien entladen, so ist das Audio-Signal sehr leise bis gar nicht zu hören.

Bei In-Betriebnahme des Midi-Parts, der geglückten Funkverbindung mit dem Midi-Receiver blinkt ein Lämpchen an der Platine am oberen Rücken. Sollte der Midi-Receiver nicht eingeschalten sein, so leuchtet das Lämpchen durchgehend. Bei entladener Batterie oder zu wenig Kapazität, kommt es zu keiner Verbindung und auch kein leuchtet keinerlei Lämpchen.

Was für Werkzeug bedarf es, das Soundkostüm zu warten?

Lötkolben verschiedener Stärken

Lötzinn

Krimpzange

Seitenschneider

Kombizange

Minischraubenzieher (Schlitz und Kreuz)

Was für Ersatzteile sind wichtig?

Schrumpfschläuche verschiedener Stärken, vor allem schmal

Ersatzkabel (kleinste Stärke Lautsprecherkabel mit transparenter Isolier-Ummantelung)

Schildkrötenklemmen

Pin-Aufsätze

Ersatz-Fader, ggf. Wahlschalter, ggf. Poti

Nähnadeln

Anglergarn

weisses Baumwollgarn

Tüll

durchsichtige Plastiktischdecke

2-Komponenten transparentes Silikon